Fast 100 Jahre lang hat man vermutet und vielen kieferorthopädischen Patienten erklärt, die Weisheitszähne (das sind die allerletzten, die dritten Backenzähne, bzw. Stockzähne, die oft sehr spät oder auch gar nicht wachsen) seien dafür verantwortlich, wenn es nach einer Zahnspangen-Behandlung zu Verschiebungen der Zähne, besonders der vorderen Zähne im Unterkiefer, kommt.

Diese Erklärung resultierte aus einer richtigen Beobachtung: hinten wachsen Weisheitszähne und gleichzeitig werden vorne die Schneidezähne wieder schief. „Also schieben die Weisheitszähne alles zusammen: logisch!“

Aber: nicht alles, was gleichzeitig passiert, hat auch einen ursächlichen Zusammenhang.
Stellen Sie sich vor, sie verlassen an einem Tag dreimal das Haus und jedes Mal fängt es kurz danach an zu regnen.
Ihr Nachbar hat das gesehen - das war eine richtige Beobachtung - und spätestens beim dritten Mal kann er damit ja wohl zweifelsfrei beweisen, dass Sie für das schlechte Wetter verantwortlich sind!?
Wenn Sie aus dem Haus gehen, machen Sie Regen: logisch!
Die einfachste Lösung, um gutes Wetter zu garantieren, ist nach dieser Theorie: man sperrt Sie zu Hause ein! Oder?


So ähnlich kam die Theorie zustande, man könne die Stabilität einer kieferorthopädisch erreichten Zahnstellung gewährleisten, indem man die Weisheitszähne zieht oder operativ entfernt.

Es gibt natürlich unterschiedliche und durchaus viele Gründe, warum es manchmal besser sein kann, die Weisheitszähne eines Patienten zu entfernen. Kieferorthopädische Gründe gibt es fast keine.
Objektive Informationen dazu findet man z.B. bei wissenschaftlichen Gesellschaften, bei denen sich Experten mit möglichst allen wissenschaftlich verfügbaren Erkenntnissen auseinandergesetzt und dann gemeinsam allgemeine Empfehlungen herausgegeben haben.
Das ist dann nicht mündliche Überlieferung, Meinung oder Erfahrung eines Arztes, sondern sollte tatsächlich wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis sein.

Zum Thema Weisheitszähne finden Sie solche Informationen zum Beispiel hier:

In diesen wissenschaftlichen Informationen finden Sie eine Behauptung allerdings nicht:
Dass Weisheitszähne, wenn sie wachsen, wirklich andere Zähne (wieder) verschieben, das steht da nicht drin!

Für die Kieferorthopädie wäre es natürlich prima, wenn man versprechen könnte, dass alle Zähne für den Rest des Lebens stabil stehen bleiben, wenn man nur die Weisheitszähne ziehen lässt.
Aber so einfach ist es leider nicht. Deshalb gibt es nach der Spangenbehandlung die Stabilisierungsphase für die Zähne, die sogenannte Retention

Aus wissenschaftlicher Sicht muss oder sollte der Kieferorthopäde sich zum Thema Weisheitszähne in den allermeisten Fällen also gar nicht äußern: für dieses Fachgebiet sind wir nicht die Spezialisten und können nur allgemeine wissenschaftliche Erkenntnisse weitergeben.

Wir haben mit den anderen Zähnen genug zu tun…